3 Doppelhobel, Putzhobel

(auch: Doppel-Schlichthobel bzw. Abputzhobel)

Doppelhobel Weiss ca 1900
Putzhobel Weiss ca. 1920

Allgemeines

Der Doppelhobel erscheint im deutschen Sprachraum erst Anfang des 19. Jahrhunderts. Er ist nichts anderes als ein Schlichthobel mit einem Doppeleisen, weswegen er anfangs auch als Doppel-Schlichthobel bezeichnet wurde. Die Abmessungen und Eisenbreiten waren nahezu identisch. Wie schon beim Schlichthobel erwähnt, war er diesem bei Arbeiten mit schwierigen Hölzern deutlich überlegen, feine, ausrissfreie Oberflächen gelangen mit diesem Werkzeug wesentlich leichter.

Er löste aber nicht den Schlichthobel ab, sondern einen anderen Hobel: den Hart- oder Steilhobel. Dieses Werkzeug wurde auf harten und/oder wildmaserigen Hölzern eingesetzt, auch zum feinen „Abputzen“ wurde er verwendet. Das (einfache) Eisen war steiler positioniert als beim Schlichthobel, vielleicht um die 60 Grad, er hatte ähnliche Abmessungen wie der Zahnhobel, war also kürzer als ein Schlichthobel. Der höhere Schnittwinkel ermöglichte einerseits eine feinere Spanabnahme und andererseits reduzierte er auch Ausrisse auf der Holzoberfläche. Der Nachteil war ein merkbar höherer Widerstand beim Hobeln. Der Doppelhobel ermöglichte feineres Arbeiten bei niedrigerem Kraftaufwand, er wurde innerhalb weniger Jahrzehnte zum Standardwerkzeug. Trotzdem blieb auch der Harthobel anscheinend noch ziemlich lange in Produktion, bei Weiss & Sohn findet er sich zuletzt noch 1930 im Angebot.

Bei Kehlhobeln (Profilhobeln), bei denen der Einsatz eines Doppeleisens viel zu kompliziert bzw. gar nicht möglich ist, wurde das Prinzip des steilgestellten Eisens für die Bearbeitung von Hartholz beibehalten. In England gibt es dafür auch eine eigene Terminologie, Charles Holtzapffel erwähnt in seinem Buch "Turning and Mechanical Manipulation" (London, 1846-1850) die Bezeichnungen "common pitch" (45 Grad), "york pitch" (50 Grad), "middle pitch" (55 Grad) und "half pitch" (60 Grad). Im deutschen Sprachraum existieren keine entsprechenden Begriffe für verschiedene Schnittwinkel bei Hobeln.

Doppelhobel und Putzhobel, Weiss & Sohn

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Harthobel, Weiss & Sohn

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Doppelhobel - Putzhobel

Die heutige Unterscheidung zwischen Doppelhobel und Putzhobel etablierte sich anscheinend relativ spät. In den mir vorliegenden Unterlagen von Weiss & Sohn erscheint der Begriff „Putzhobel“ erstmals 1897. Unter der Katalognummer 3 wird ein „Doppelhobel, kurz“ angeboten, unter der Nummer 3 ½ eine Zeile weiter ein „Doppelhobel kurz, Putzhobel für Hartholz“ (also mit steil gestelltem Eisen). Beide leider ohne Abbildung. Anderswo taucht der Begriff „Putzhobel“ schon früher auf, in einem Preis-Courant der Firma Balzer in Berlin aus dem Jahr 1874 beispielsweise als „Abputzhobel“.

1909 wurde bei Weiss & Sohn dann schon genauer differenziert: Es gab den Doppelhobel in „normaler Länge“, einen kurzen Putzhobel (20 cm lang) und einen Putzhobel für Hartholz (19 cm lang, also ein Harthobel mit Doppeleisen). Auch der Doppelhobel mit Pockholzsohle war als lange und kurze Version erhältlich. All diese Modelle bekamen auch eigene Katalognummern.

Aber nicht nur die Länge ist ein Unterscheidungsmerkmal zwischen Doppelhobel und Putzhobel, sondern auch der Schnittwinkel. Mit der Zeit erhielt der Putzhobel einen höheren Schnittwinkel von rund 50 Grad. Wann genau diese Änderung geschah, lässt sich aus den Katalogen und Preislisten nicht ableiten. Nirgends findet man nämlich eine Angabe des Schnittwinkels, weder bei Weiss & Sohn noch bei anderen Herstellern. Genau definiert wurden die einzelnen Hobeltypen (wie auch die dazugehörigen Eisen) erst nach dem 2. Weltkrieg durch die Deutsche Industrie-Norm (DIN). Die letzten dieser Normen betreffend die Tischlerhobel stammen aus dem Jahr 1973 (sie sind mittlerweile ersatzlos ausgelaufen). Darin werden die Hobel folgendermaßen definiert:

DIN-Normen

Das Doppeleisen

Ein Doppeleisen besteht aus 2 Teilen: Dem Hobeleisen und einem zweiten, umgekehrt aufgesetzten Eisen, der Klappe (auch Spanbrecher genannt). Die Aufgabe der Klappe ist es, den vom Eisen abgehobenen Span unmittelbar nach dem Schnitt stark zu biegen. Dieses Umbiegen bewirkt eine relativ starke Spannung der Holzfasern, wodurch das Hobeleisen die Fasern wesentlich leichter und sauberer durchtrennen kann. (Der selbe Effekt lässt sich beobachten, wenn man einen gewöhnlichen dünnen Holzstock mit einem Messer ablängen will: biegt man den Stock ein wenig durch, lassen sich die Holzfasern leichter durchschneiden.) Das Ergebnis ist eine glattere, weitgehend ausrissfreie Oberfläche. Das funktioniert umso besser, je näher die Klappe an der Schneidkante des schneidenden Eisens positioniert ist, weil das eine stärkere Biegung der Fasern verursacht, und je enger das Hobelmaul des Hobels ist, weil der Schnitt dadurch unmittelbar nach dem Abheben des Spans erfolgt und ein Nachlaufen der Fasern verhindert wird. Die Klappe muss außerdem eine schmale „Brechkante“ aufweisen, um den Span abrupt biegen zu können. Der Ausdruck "Spanbrecher" ist daher leider etwas irreführend, da der Span ja tatsächlich nur stark gestaucht, aber nicht wirklich gebrochen wird.

Klappe Brechkante, Pätzold & Willer, 1954

 

Die obige Abbildung stammt aus einem Lehrbuch für Tischler aus dem Jahr 1950. Ich persönlich halte den empfohlenen Winkel von 90 Grad für die Brechkante für zu extrem. Diese Konfiguration führt meiner Erfahrung nach zum Verstopfen des Hobels.

Eine sehr gute Beschreibung der Wirkungsweise des Doppeleisens im Unterschied zum einfachen Schlichteisen (mit sehr klaren Zeichnungen) gibt uns Charles Holtzapffel im zweiten Teil seines Buches „Turning and Mechanical Manipulation“ (veröffentlicht in drei Teilen zwischen 1846 und 1850). Vor allem der Zusammenhang zwischen engem Hobelmaul, Biegung der Fasern und Zeitpunkt des eigentliches Schnittes wird sehr deutlich dargestellt.

plane iron fig327 Holtzapffel.jpg
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Entwickelt wurde das Doppeleisen höchstwahrscheinlich in England (vielleicht aber auch in Frankreich) in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Von wem und wann genau ist leider nicht überliefert. Die bekannten deutschen Fachautoren des 18. Jahrhunderts (Halle, Sprengel, Krünitz) erwähnen das Doppeleisen noch nicht. Der älteste erhaltene Bankhobel mit einem Doppeleisen wurde 1978 in London (Cutler Street) gefunden und auf ca. 1750-1780 datiert. Eisen und Klappe waren noch nicht mit einer Schraube verbunden, sondern wurden nur mit dem Keil im Hobelkasten fixiert. Diese Frühform des Doppeleisens war auch in Frankreich bekannt und wurde sogar bis ins 20. Jahrhundert hinein, neben den späteren Versionen mit kurzer oder langer Schraube, beibehalten. Hier ein Beispiel dafür aus meiner eigenen Sammlung, ein Putzhobel von Peugeot Freres:

Doppeleisen ohne Schraube, Frankreich, Peugeot Freres
Putzhobel, Frankreich, Peugeot Freres

 

Die älteste schriftliche Erwähnung eines Doppeleisens, die mir bekannt ist, stammt aus dem Pennsylvania Chronicle vom 29. März 1767. Der Hobelhersteller und Werkzeughändler Samuel Carruthers erwähnt in seiner Werbeanzeige "double iron'd planes of a late construction". Da er vor allem Werkzeuge aus England in die amerikanischen Kolonien importierte und selbst nur die hölzernen Bestandteile der Hobel herstellte, kann man mit einiger Sicherheit vermuten, dass es sich dabei um englische Hobeleisen handelte (siehe dazu auch diesen Artikel über "English Tools in America" von Charles F. Hummels).

Carruthers Samuel 1767

Sehr bald schon wurden beide Eisen mit einer Schraube fest verbunden, was die Feineinstellung der Klappe im Besonderen und die Einstellung des Eisens im Hobel insgesamt erheblich vereinfachte. Es entwickelten sich (wahrscheinlich zeitgleich) zwei verschiedene Methoden:

In England lötete man ein Gewinde vertikal auf die Oberseite der Klappe, beide Teile konnten so mit einer kurzen Schraube fest miteinander verbunden werden, das Hobeleisen selbst bekam einen zentrierten länglichen Schlitz, wodurch die Klappe bei leicht gelöster Schraube händisch verschiebbar war.

In Frankreich dagegen wurden an der Unterseite der Klappe zwei Gewindestücke mit etwas Abstand zueinander und horizontal zum Hobeleisen angelötet, durch die eine lange Schraube lief. Mit dieser Schraube konnte die Klappe sehr genau eingestellt und in dieser Position gehalten werden. Klappe und Hobeleisen waren bei dieser Konstruktion jedoch nicht fest miteinander verbunden, sie wurden nur durch den Keil des Hobels zusammengepresst.

Doppeleisen Beschreibung Altmütter 1825

In der österreichischen Monarchie und in Süddeutschland war vor allem das Doppeleisen mit langer Schraube in Verwendung, während jenes mit kurzer Schraube in England, Amerika und im nordeuropäischen Raum verbreitet war. Schlussendlich hat sich die Version mit kurzer Schraube allgemein durchgesetzt. Georg Altmütter beschrieb 1825 als einer der ersten beide Versionen, wobei er dem Eisen mit langer Schraube den Vorzug gab, weil die Klappe damit wesentlich einfacher genau einzustellen war. Weiss & Sohn (und alle anderen Hersteller in der Monarchie) lieferten Doppeleisen standardmäßig mit langer Schraube, wurde ein Doppeleisen mit kurzer Schraube gewünscht, musste das bei der Bestellung extra angegeben werden.

Doppeleisen Altmütter TafelVIII 1825
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Doppeleisen mit kurzer Schraube, Weiss & Sohn
Doppeleisen mit kurzer Schraube, Weiss & Sohn
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Weiss & Sohn, Falz-Doppelhobel, ca. 1880-90
Weiss & Sohn, Falz-Doppelhobel, ca. 1880-90

Modellentwicklung anhand der Eisenbreiten

Der Doppelhobel wurde von Weiss & Sohn in 3 Varianten produziert: als gewöhnlicher Doppelhobel, mit Pockholzsohle und mit Eisensohle. Der gewöhnliche Doppelhobel trug durchgehend die Nummer 3, Mitte der 1950er Jahre wurden der Nummer, wie schon bei den anderen Bankhobeln, noch die Zusätze "S" (für Schutzpolitur) und "H" (für Handschoner) zugefügt (Anm.: Diese Varianten tauchen erstmals im Katalog Nr. 33 von ca. 1930 auf, jedoch nur auf Bestellung, erst Mitte der 1950er Jahre wurden die Hobel standardmäßig mit Handschoner und Schutzpolitur ausgeliefert.)

Die Variante mit Pockholzsohle hatte im Atlas noch die Nummer 224, Anfang des 20. Jahrhunderts erhielt er die Nummer 3D (oder "d"), 1930 wurde das "d" durch den Zusatz "P" (für Pockholzsohle) ersetzt. Die Variante mit Eisensohle trug im Atlas die Nummer 216, ab ca. 1900 die Nummer 3E. In den 1920er Jahren verschwindet dieses Modell dann aus den Katalogen, seltsamerweise mit einer Ausnahme in einer Preisliste von 1960.

Der Putzhobel, etwas kürzer als der klassische Doppelhobel, taucht, wie schon oben erwähnt, erst in den 1890er Jahren als eigenes Modell in den Katalogen auf. Er bekam die Nummer 3A ("a") und ebenfalls später die Zusätze "S" und "H".

 

 

 

Das Modell 3f, ein auf beiden Seiten abgefalzter Doppelhobel und damit eigentlich ein Falzhobel, erscheint ca. 1935 erstmals in einem Weiss & Sohn Katalog. Allerdings habe ich in meiner eigenen Sammlung ein Modell dieses Hobels, das mit Sicherheit aus dem 19. Jahrhundert stammt. Entweder wurde das Modell zwar produziert aber nicht in die Kataloge aufgenommen, oder nur auf Bestellung gefertigt, oder diese Modifikation wurde vom Besitzer durchgeführt. Noch habe ich keine Antwort auf diese Frage. Jedenfalls blieb dieses Modell bis zum Ende der Firma in Produktion.

Der Steilhobel trug im Atlas die Nummer 215, hatte damals allerdings nur ein einfaches Eisen und außerdem eine Eisensohle. Ab den 1890er Jahren erhielt er die Nummer 3 1/2, wurde also den Doppelhobeln zugerechnet. Im Katalog von 1909 ist er auch mit einem Doppeleisen abgebildet. Anscheinend blieb er bis ca. 1930 in Produktion. Weiter oben habe ich erwähnt, dass der Steilhobel vom Doppel- bzw. Putzhobel abgelöst wurde. Dem scheint der lange Produktionszeitraum zu widersprechen. Allerdings habe ich bisher noch kein Exemplar dieses Hobels gesehen, was eher dafür spricht, dass er zwar lange angeboten, aber kaum verwendet wurde. (Falls doch jemand ein Exemplar eines Steilhobels in seiner Sammlung hat, wäre ich für Fotos sehr dankbar!)

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Patenthobel "Ideal"

Das Patent für diesen Hobel, genaugenommen für das bewegliche Keilwiderlager, wurde 1927 (in Deutschland, in Österreich erst 1929) erteilt. Im Zuge dieser Patenterteilung gab es einige Unstimmigkeiten mit der Firma Georg Ott ("Ulmia") in Deutschland, die zuvor ebenfalls ein sehr ähnliches Widerlager patentieren ließ. (Ein Großteil des damaligen Schriftverkehrs bestehend aus Einsprüchen und Erwiderungen befindet sich in meiner Dokumentensammlung, ich werde sie zu gegebener Zeit hier veröffentlichen.)

Die Nummerierung der Modelle erfolgte analog zu den herkömmlichen Bankhobeln, der Hobelnummer wurde jedoch die Abkürzung "Id" (für Ideal) vorangestellt. In dieser Modellreihe gab es die Nummern Id3 (Doppelhobel) und Id3P (Doppelhobel mit Pockholzsohle) sowie einen gewöhnlichen Putzhobel (Id3a) und einen Putzhobel mit Pockholzsohle (Id3aP). Ebenfalls analog zu den gewöhnlichen Bankhobeln wurden ab Mitte der 1950er Jahre die Zusätze "S" und "H" verwendet.

Patenthobel "Ideal" im Katalag Nr. 33 (ca. 1930)

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Quellen:

Turning and Mechanical Manipulation, Volume II, Charles Holtzapffel, published by Holtzapffel & Co., London, 1846-1850

(Google Books)

Beschreibung der Werkzeug-Sammlung des k.k. polytechnischen Institutes, Georg Altmütter, Wien 1825, Im Verlage bey J. B. Wallishausser

(www.e-rara.ch, ETH Zürich)

Fachkunde für Tischler Teil 1, Hans Pätzold und Kurt Willer, B. G. Teubner, Leipzig, 7. Auflage 1954

Zum Abschluss noch technische Originalzeichnungen des Doppelhobels und des Putzhobels von Johann Weiss & Sohn aus den 1940er Jahren.

(PDF-Symbol anklicken für den gratis PDF-Download)

03 + 03a Keile Zeichnung
03b Putzhobel Zeichnung
03 Doppelhobel Zeichnung